Gaudimax in Rheinhessen

Uelversheim liegt im Herzen Rheinhessens, mitten zwischen der Landeshauptstadt Mainz und der aus der Nibelungensage bekannten Stadt Worms, die 1.140-Seelen-Gemeinde gehört zur Verbandsgemeinde Guntersblum und beherbergt die einzige Oktagon-Kirche Deutschlands. Und Uelversheim ist zudem seit März 2003 SWR1-Heimspielgemeinde. Dabei bekommt eine Gemeinde im Sendegebiet montags den Auftrag, bis samstags ein Großereignis auf die Beine zu stellen. Im Fall von Uelversheim war das ein Karneval Marke „Samba di Brasil“, den die umtriebigen Uelversheimer bravourös hinlegten.

 

Diese kleine Episode zeigt schon, daß man es dort gewohnt ist, besondere Anlässe besonders zu begehen. In der Regel am letzten Samstag im Mai steht der Sport ganz oben auf der Liste. Am Samstagnachmittag toben sich erst die Kinder bei den Schüler- und Bambiniläufen aus, bevor um 17 h der Weincup gestartet wird – ein ganz besonderer Marathonstaffellauf. Am Sonntag wird die angemietete Ausstattung dann gleich noch für ein Jugend-Fußballturnier genutzt.

 

2004 hat man sich vom angestammten Termin gelöst, weil das letzte Maiwochenende auf Pfingsten fällt und das Sportwochenende um 7 Tage vorgezogen. Und auch dieses Jahr zeichnete sich die Weincup wieder durch maximalen Spaß mit maximalem Trainingseffekt und das mitten im sportlichen Wettkampf aus.

 

20 Mannschaften waren bei bestem Laufwetter (nicht sonderlich warm, aber trotzdem sonnig) angetreten, gemeinsam einen Marathon zu laufen. Das ist an und für sich noch nicht SO besonders, sowas gibt es öfter. In Uelversheim wird aber nicht einfach die Marathonstrecke durch 4 geteilt und fertig ist der Wettbewerb. Vielmehr wurde eine Dorfrunde von 1.463 m vermessen, die es für jeden 7x zu durchlaufen gilt. Die Startläufer absolvieren zusätzliche 1.121 m und den Schlußläufern bleiben die letzten 110 m bis zum Zieltransparent überlassen, die aber eigentlich immer alle Staffeln gemeinsam zurücklegen – schließlich wird hier aus dem Individualsportler „Läufer“ für einige Stunden ein Teamsportler.

 

Da man sich in Rheinhessen befindet, ist eigentlich auch schnell klar: flach kann die Runde nicht sein. Und so liegt die Wechselzone ausgerechnet mitten auf der längsten Steigung direkt vorm Sportplatz. Will heißen: wer losrennt, nachdem er abgeklatscht wurde, muß sich erstmal bergauf kämpfen. Direkt vorm Ortsausgang geht’s dann rechts ab und abwärts. Das ist die Stelle, an der man meint, am Boden festzukleben und Gummi in den Beinen zu haben. Ein paar hundert Meter und zwei Kurven später geht’s dann wieder sachte nach oben, bevor man in die erste Straße mit Zuschauern einbiegt. Im Neubaugebiet ist pünktlich zum Weincup Straßenfest angesagt. Anfangs sitzt man noch bei Kaffee und Kuchen, später dann bei Sekt, Bier und Gegrilltem. Immer aber ist mindestens ein Auge auf der Strecke und die Läufer werden tatkräftig angefeuert. Stimmungsnest nennt man das ja neuerdings bei Stadtmarathons.

 

Rechtskurve – Linkskurve – und auf dem kurzen Stück zur nächsten Linkskurve, die das erste Nadelöhr einleitet, sitzen ein paar Jugendliche der Freiwilligen Feuerwehr, die über Stunden nicht müde werden, den Läufern ihren Vereinsnamen oder die Startnummer im Fußballfansingsang entgegen- und hinterherzurufen.

 

Hinter Nadelöhr Nummer 1 in Form von zwei Bollern kommen wiederum eine Rechts- und eine Linkskurve und dann direkt an der nächsten Linkskurve auf der Außenseite eine Reihe Gartensessel, die Bewohner auf die Straße stellen, um zu sehen, was da so vor sich geht. Auch hier: alte Bekannte, die von den Wiederholungstätern schon erkannt und erwartet werden.

 

Die nächste kleine Rechtskurve gefällig? Und schon muß man um einen Brunnen herumlaufen, an dem sich seit 2 Jahren eine Gartenwirtschaft „breit gemacht“ hat. Früher konnte man hier noch rechts vorbei 1-2 m abkürzen, heute gilt es, möglichst eng und möglichst ohne zu schlingern den Brunnen links halb zu umrunden. Auch von der Kneipe aus ermuntern einige Zuschauer die Läufer. Und dann folgt Nadelöhr Nummer 2, eine enge S-Kurve durch die „Häuserschluchten“ von Uelversheim. Die Gasse mutet sehr südländisch an, fast erwartet man über die Straße gespannte Wäsche. Hier ist es fast unmöglich, zu überholen, aber dieser Abschnitt dauert nur 10 m an.

 

Dahinter verläuft die Strecke links-rechts-leicht bergan (uuuhh.. das tut weh), bevor man schon den Sprecher an der Wechselzone hört und sich dann von den Mannschaftskameraden den Berg hinaufschreien läßt, um den nächsten abzuklatschen und erstmal tief durchzuatmen.

 

Durch die Kürze der Runde gibt hier jeder ständig sein Bestes und man erreicht Kilometerschnitte, die man niemals über einen 10 km-Wettkampf halten könnte. Das ist Intervalltraining vom Feinsten. Mit teilweise riesigen Augen und schwer keuchend erreicht man die Wechselzone. Bis man 3 Leutchen später wieder an der Reihe ist, geht’s aber schon wieder richtig gut, die Luft ist wieder da, der Puls längst runter und an der Verpflegungsstelle konnte man zwischendurch mit Tee, Iso und Wasser den Durst löschen oder gar Obst oder Cracker essen.

 

Unterwegs wird wohl jeder irgendwann die Strecke hassen, weil sie in Beinen und Lunge weh tut und Biß erfordert, aber das Gefühl, es wieder und wieder hinter sich zu bringen, ist auch nicht zu verachten. Für Einige ist der Uelversheimer Weincup mit Sicherheit das einzige Tempotraining des Jahres.

 

Ein bißchen taktiert wird wohl in fast jeder Mannschaft. So kann man die etwa 20 m lange Wechselzone ausnutzen, indem man die Schnellsten unten loslaufen und erst oben weiterwechseln läßt und bei denen, die ganz vorne mitlaufen möchten, ist die Startreihenfolge sicher auch nicht unwichtig. Für die Altersklasseneinteilung, die in 10er-Schritten vorgenommen wird, gilt: jede Staffel läuft in der AK des jüngsten Teilnehmers, so daß man bei mehreren Mannschaften hier durch geschickte Verteilung gleich mehrere Altersklassen belegen und evtl. gewinnen kann.

 

In diesem Jahr lieferten sich die beiden ersten Männermannschaften der LG Rüsselsheim und von passtschon98 lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Mal lagen die einen vorne, mal die anderen, oft wechselten beide Staffeln fast gleichzeitig. Aber irgendwann hatten die Rüsselsheimer den längeren Atem und am Ende 46 sec. Vorsprung auf die vier schnellsten passtschoner. Kein Wunder – in ihren Reihen hatten sie zwei reine Mittelstreckler, einen Läufer, der Mittel- und Langstrecke läuft (aber keinen Marathon) und einen Radfahrer mit Laufambitionen. Dafür, daß die passtschoner alle 4 in den letzten 6 Wochen schnelle Marathons gelaufen waren, haben sie sehr gut mitgehalten. Der inzwischen 7 Jahre alte Streckenrekord vom TV Waldstraße Wiesbaden über 2:06 h war allerdings zu keiner Zeit in Gefahr, bei 2:20:36 h hielt die Uhr am Ende für die Sieger aus Rüsselsheim an.

 

Das schnellste Mixed-Team lief auf Rang 7 über die Ziellinie und wurde von der teilnahmestärksten Truppe von passtschon98 gestellt. Mit Claudia Buch, die im April den Weiltalwegmarathon gewonnen hatte, und Doris Freise, der HM-Zweiten aus Mainz, waren starke Frauen mit am Start. Ihre Mitstreiter, Detlef Peuthert und Jürgen Peters, laufen die 10 km beide deutlich unter 38 min – das Team war schon mit Siegesambitionen an den Start gegangen und nach 2:35:12 h am und im Ziel angekommen. Zweites Mixed-Team wurden die Jungs und Mädels des TV Hechtsheim in 2:37:18 h.

 

Auch der Pokal der Frauenwertung ging mit passtschon98 in den Taunus. Mit 3:06:31 h waren die passtschonerinnen in der Besetzung Weber-Leidner-Czyrt-Herzog schneller als zu Beginn erhofft und konnten die Frauen der LG Rüsselsheim auf Platz 2 halten. Durch die Übermacht der Männerteams wurden die einzigen beiden Frauschaften insgesamt aber „nur“ 18. und 20.

 

Wie so oft bei Mannschafts- und Staffelwertungen im Laufbereich tauchen auch in Uelversheim wieder einige Phantasienamen in der Ergebnisliste auf. So findet man hier dieses Jahr ein Team namens „Lost & found“, Die fantastischen Vier, Die Gewürfelten und VfB – Vier für Bodenheim.

 

Bei der Siegerehrung, auf die man bei ausreichend leckerstem Kuchen, Pommes, Salat und/oder Gegrilltem warten kann, gibt’s dann für die jeweils ersten Staffeln der Männer, Frauen und Mixed einen schönen Pokal und für wirklich jeden Läufer eine Flasche heimischen Weiß- oder Rotwein. Dazu wird für jeden eine Urkunde gedruckt und jedes Team erhält gleich noch eine Ergebnisliste und ein Diagramm der einzelnen Rundenzeiten.

 

Und dann klingt diese liebevoll organisierte Veranstaltung so langsam aus. Seit Jahren gibt’s schon die Möglichkeit, direkt vor Ort am Spielfeldrand kostenlos zu zelten, damit der Weincup angemessen abgefeiert werden kann und man nicht mehr den weiten Heimweg antreten muß. Geweckt wird man morgens von der anreisenden Fußballjugend und durch Weincup-Veranstalter Toni Steppuhn, der es für nur 3 Euro pro Nase fertigbringt, im Vereinsheim ein reichliches Frühstück auf den Tisch zu zaubern – selbstgekochte Marmelade aus dem heimischen Garten inclusive.

 

Ein Blick in die Gesichter schon direkt nach dem Zieleinlauf zeigte: auch der 12. Uelversheimer Weincup hat wieder allen eine Menge Gaudi gemacht und die meisten werden sicher am 28. Mai 2005 wieder auf die Strecke gehen.

 

Ergebnisse gibt’s unter  http://uelversheim.com/tsv/Lauftreff/index.htm

 

für laufreport im Mai 2004